21. Seelentausch
Nachdem Arthur in seinen Raum zurück eskortiert wurde, hatte Nirar überlegt, was er nun mit Merlins Leichnam anstellen sollte. Der Zauberer war nicht mehr wichtig für ihn. Er war nicht annähernd so stark, wie er es sich vorgestellt hatte, und Morgana hatte gesiegt. Ihm war klar, dass er keine Macht gegen sie besaß, und keiner seiner Söldner würde mehr gegen sie ankommen können. Als er nach dem Sieg ihre funkelnden Augen gesehen hatte, hatte er nur wegsehen können. Ihm war klar, dass sie gehen würde. Hier konnte sie ihm nicht schaden. Der Raum und sein Schloss war gesichert, auch gegen ihre Magie. Doch da draußen… Doch im Grunde war es ihm egal. Sie sollte tun was sie wollte. Seine Absicht war es gewesen, herauszufinden, wer stärker war, die stärkste Macht des Bösen - oder die des Guten, und so wie es aussah, hatte das Böse gewonnen. Also war Morgana schließlich gegangen; unbehelligt und niemand wusste wohin.
Jetzt musste Nirar sich entscheiden. Er musste den Leichnam loswerden. Doch dann entschied er sich schließlich, ihn zuerst zurück zu seinen Freunden schaffen zu lassen. In die Kerkerzellen, in denen die Mädchen und diese Hüterin der Elemente saßen. Danach würde er weiter sehen, was er dann mit ihm machen würde. Er musste sich überhaupt einfallen lassen, was weiter mit ihnen und dem König von Camelot und seinen Rittern geschehen sollte. Doch vorerst gab er den Befehl, Merlins Leichnam zurück zu tragen und seine Diener befolgten diesen widerspruchslos.
Wenige Minuten später waren sie angekommen. Elle hörte als erstes die Tür, als diese aufging und Nirars Schergen eintraten. Auch die Mädchen horchten auf. Leeana war voller Sorge. Die ganze Zeit hatte sie mit Beten und Hoffen verbracht, und auch Jade und Elle erging es nicht anders. Als sie schließlich die Männer sahen, wechselten ihre Gefühle von Angst zu Hoffnung.
Angespannt sahen sie zu ihnen hin - und erstarrten. Sie trugen etwas in den Armen. Einen Körper… Keiner von ihnen wollte glauben, was sie meinten, dort zu sehen. Doch dann öffneten die Männer die Tür, nachdem sie ihnen aufgetragen hatten, sich nach hinten zu stellen, was Elle auch tat. Sie nahm die Mädchen an ihre Hand und stellte sich ganz nach hinten an die Stäbe, doch nicht ohne die Männer aus den Augen zu lassen. Diese stießen die bewegungslose Person in den Raum, dann schlossen sie die Tür wieder und verschwanden…
Nach einigen Sekunden löste sich Leeana als erstes aus ihrer Starre und trat langsam nach vorne. Sie wollte nicht glauben, dass das was sie befürchtete, der Wahrheit entsprach. Es durfte nicht sein! Doch dann sah sie es: Es war Merlin! Leeana kniete sich zu ihm hin und berührte ihn - und sie fühlte, dass er tot war. Ein stechender Schmerz durchfuhr sie. Sie keuchte. “Nein… NEIIIIINNN!!!” schrie sie auf und begann, ihn anzuschreien. Sie rüttelte seinen Körper, schrie ihn an, immer und immer wieder rief sie, dass er erwachen sollte, doch das war natürlich Unsinn. Er konnte nicht mehr erwachen..
Auch Elle hatte sich langsam aus ihrer Starre gelöst und kam zu ihnen. Jade war dort wo sie gestanden hatte, weinend zusammen gesackt und Elle ließ sie dort wo sie war. Sie hatte verstanden, was geschehen war. Morgana hatte den Kampf gewonnen. Vermutlich auf die Weise, vor der sie alle Angst gehabt hatten: In dem sie Merlin seiner Kräfte beraubt hatte. Auch Elle war zum Weinen zu Mute, doch sie brauchte jetzt Kraft um Leeana diese zu geben.
Sie trat zu ihr und versuchte, sie von Merlin zurück zu ziehen. “Leeana”.. begann sie, doch diese schüttelte sie ab. “Nein… Merlin, bitte…” flüsterte sie, immer wieder nannte sie seinen Namen. “Merlin…” dann begann sie, bitterlich zu weinen. Das letzte, was sie zu ihm gesagt hatte, und was er von ihr vernommen hatte, waren die Worte “ich hasse dich gewesen”… “Ich hasse dich nicht.. Ich liebe dich, du bist mein Seelenbruder! Bitte… Bitte, wach wieder auf… Ich tue alles, Alles… Bitte, bitte du darfst nicht tot sein…”
Sie wiederholte die Worte immer und immer wieder, während sie seinen Körper in ihrem hielt. Er war größer als sie, dennoch schien er so wenig zu wiegen.. Als hätte er einen Teil seines Gewichtes verloren… Oder bildete sie sich das nur ein? Während sie diesen Gedanken nachhing, stand Elle neben ihr und fühlte sich einfach nur hilflos. Sie wusste nicht, was sie tun sollte und versuchte mit ihrer Anwesenheit, Leeana beizustehen. Auch sie fühlte abgrundtiefen Schmerz in sich und trauerte…
Plötzlich fühlte Leeana eine Präsenz in ihrer Nähe, die vorher nicht da gewesen war. Sie blickte sich gehetzt in der Zelle um, und erkannte einen Mann. Er sah merkwürdig aus; er trug einen schwarzen Mantel und seine Gestalt war nicht wirklich richtig zu erkennen.. Erschrocken, aber ohne Merlin loszulassen, sprach sie ihn an: “Wer seid Ihr?” Elle blickte ebenfalls auf. Sie konnte niemanden sehen. Auch Jade hatte sich bei Leeanas Worten in der Zelle umgesehen, doch auch sie erblickte niemand anderen als Leeana, Elle und den toten Merlin… Und doch schien jemand da zu sein, denn Leeana sprach erneut: “Wer seid Ihr, Sagt etwas!” Elle sah Leeana an, ihr Verhalten machte ihr Angst: “Leeana? Mit wem redest du?” Leeana antwortete zuerst nicht, dann blickte sie von dem Fremden zu Elle - “Siehst du ihn nicht? Ein Mann in Schwarz, er steht direkt vor mir!”
Elle runzelte die Stirn. Nein, sie sah ihn nicht! Und doch spürte sie plötzlich durchaus eine Präsenz, die vorab nicht da gewesen war. Ja, auch sie ahnte, nein sie wusste, dass jemand - oder etwas - hier war, doch wieso sah sie ihn nicht? “Was will er?” fragte sie angespannt. Leeana schüttelte den Kopf: “Das weiß ich nicht… Ich habe noch keine Antwort erhalten… Was wollt Ihr?” fragte sie ihn noch einmal. Dieses Mal bekam sie eine Antwort. Und als sie seine Stimme hörte, die dunkel und dröhnend klang, entstand plötzlich auch vor Elles und Jades Augen das selbe Bild, was Leeana schon die ganze Zeit sah. Elles Augen wurden groß. Sie wusste, wen sie da vor sich hatte. Zumindest ahnte sie es. “Seid Ihr der Tod? Seid Ihr hier um Euch Merlins Seele zu holen?” fragte sie schließlich.
Der Fremde sah sie an. Sein Blick war unergründlich. Dann antwortete er: “Nein, ich bin nicht der Tod. Und ich brauche mir seine Seele nicht mehr zu holen; ich habe sie bereits. Ich bin der Seelenverwahrer; meine Aufgabe ist es, die Seelen gerade Verstorbener solange in meiner Obhut zu belassen, bis der Tod kommt, um sie zu sich zu holen.” Er blickte Leeana an und sein Blick ließ diese leicht erschaudern. Wieder ließ Elle sich vernehmen: “Wenn Ihr Merlins Seele bereits habt, weshalb seid Ihr dann hier? Hier gibt es nichts mehr zu holen.” Ihr Ton war schneidend geworden. Der Seelensammler antwortet Elle nicht. Sein Blick hing weiterhin an Leeana. Schließlich sagte er doch etwas: “Nun, das kommt ganz darauf an… Eigentlich hatte ich keine Pläne hierher zu kommen, aber etwas an dem, was du gerade gesagt hast, hat mich auf dich aufmerksam gemacht, mein Kind…” Elle blickte vom Seelenverwahrer auf Leeana. “Leeana? Was hast du gerade gesagt?” fragte sie, ihre Stimme zitterte. Sie wusste tatsächlich nicht, was Leeana gesagt haben konnte, um ihn zu ihnen zu locken, dennoch gefiel es ihr ganz und gar nicht, dass er hier war.
Zuerst wusste Leeana selbst keine Antwort auf die Frage, und wollte schon den Kopf schütteln, als ihr plötzlich ein Licht aufging. Vielleicht gab es eine Hoffnung? Vielleicht gab es doch noch eine Möglichkeit, Merlin zu retten? Ihn wieder zum Leben zu erwecken?? Sie sah den Seelenverwahrer an und dieser nickte. Es war beinahe, als hätte er ihre Gedanken erraten - oder konnte er sie sogar lesen? Hier? An diesem Ort, an dem keine Magie erlaubt war? Sie wusste es nicht, doch im Grunde war es ihr auch egal. Sie blickte ihm genau in die Augen und dann sagte sie es erneut: “Ich will, dass Merlin lebt - und ich gebe meine Seele für seine, wenn Ihr das meint!”
Sie hörte einen Aufschrei von Elle und auch Jade rief etwas, doch das ignorierte sie. Elle wollte sie zu sich herüber drehen, doch der Seelenverwahrer sah sie nur einmal an, und Elle hatte das Gefühl, sich nicht mehr bewegen zu können; nicht einmal mehr sprechen zu können… Wie schaffte er das nur? Hier an diesem magiefreien Ort?? Sie konnte es sich nicht erklären. Und dennoch hoffte sie inständig, dass sie sich verhört hatte; dass Leeana es nicht so gemeint hatte; sie konnte es nicht ernst gemeint haben; sie war sich der Konsequenzen nicht bewusst…
Doch Leeana wusste, was sie tat. Und was es bedeutete. Sie würde an Merlins Stelle sterben und der Seelenverwahrer würde seine Seele frei lassen. Die Welt brauchte ihn. Camelot brauchte ihn - und vor allem Arthur brauchte ihn. Sie war Nichts auf dieser Welt. Nichts im Vergleich zu ihm. Und sie würde es nicht aushalten ohne ihn weiter zu leben. Sie nickte erneut. “Ich gebe Euch meine Seele! Nehmt sie und Lasst ihn leben. Bitte!” Sie spürte geradezu die Blicke von Elle und Jade auf sich, die beide verzweifelt waren. Sie wollten nicht, dass sie das tat, dass spürte sie, doch es war die einzige Möglichkeit.
Der Seelenverwahrer sah sie immer noch an. “Nun, es ist folgendermaßen: Sobald jemand stirbt, ist seine Seele für den Tod reserviert. Sie ist in einem Gefäß eingeschlossen, solange bis er kommt und sie mit sich nimmt. Noch ist dies bei Merlin nicht geschehen. Einmal habe ich die Macht, eine Seele durch eine andere zu ersetzen; wenn dieser andere Mensch oder das andere Wesen es freiwillig tut. Es muss freiwillig und ohne jeglichen Zwang geschehen - dann kann einmal ein Austausch der Seelen stattfinden. Aber nur einmal!” fügte er noch hinzu, mit einem kleinen Seitenblick auf die immer noch bewegungsunfähigen Elle und Jade.
Diese konnten zwar nichts sagen, doch ihre Augen blickten hektisch zwischen ihm und Leeana hin und her. Elles Blick sprach Bände. “Tu es nicht”, flehte sie, doch Leeana hatte ihre Entscheidung getroffen. Es tat ihr in der Seele weh, die beiden, die sie ebenfalls lieben gelernt hatte, zu verlassen, doch der Verlust ihres Ziehbruders war wesentlich schlimmer und kaum auszuhalten. Schließlich atmete sie einmal tief durch, dann nickte sie: “Ich tue es freiwillig! Ich will, dass Merlin lebt. Er ist der mächtigste Zauberer Camelots, und auch, wenn er diesen Kampf verloren hat, gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass er den nächsten gewinnen kann - nein, gewinnen wird! Und ich liebe ihn! Mehr als mein eigenes Leben. Ich bin bereit!” sagte sie schließlich und stand auf. Zuvor hatte sie Merlins Körper sanft auf den Boden zurück gelegt. Dann stellte sie noch eine Frage: “Ihr garantiert mir doch, dass er leben wird, sobald Ihr meine Seele habt?”
Der Seelenverwahrer nickte und streckte seine Hand aus. Ein Zeichen, dass sie zu ihm kommen sollte. Elle schüttelte den Kopf. Ihr Gesicht war fahl geworden, sie weinte. Leeana schnürte es die Kehle zu; sie wusste, dass sie ohne ein paar Worte des Abschieds nicht gehen konnte. “Wartet! Nur noch kurz, bitte!” sie sah ihn flehend an und er nickte nur. Dann wandte sie sich an Elle. Auch in ihren Augen standen Tränen, als sie schließlich sagte: “Es tut mir leid; aber es muss sein! Ich kann seinen Tod nicht zulassen, wenn ich ihn noch retten kann.. Das musst du verstehen, bitte! Ich möchte mich bei euch beiden für alles bedanken, was ihr für mich getan habt. Du, Elle, warst beinahe wie eine Mutter für mich. Und du, Jade, wie eine kleine Schwester. Ich liebe euch beide mehr als ich es sagen kann… Aber Merlin liebe ich noch mehr. Mehr als mich selbst. Und sagt ihm das bitte, wenn er erwacht. Sagt ihm, dass meine letzten Worte nicht ernst gemeint waren, die ich ihm an den Kopf geworfen habe, bevor er in den Todesring gebracht wurde. Ich hasse ihn nicht, ich habe ihn nie gehasst! Und sagt auch Arthur, dass er mein König war. Auch ihn liebe ich.. Wie man einen König nur lieben kann…”
Sowohl über Elles als auch über Jades Gesicht strömten die Tränen. Elle nickte. Bis jetzt hatte sie nicht reden können, doch nun spürte sie, dass sie ihre Stimme wieder bekommen hatte. Sie wusste, dass sie es nicht mehr verhindern konnte. Leeana hatte die Entscheidung getroffen. Es war ihre Entscheidung, und sie war von niemandem beeinflusst oder gezwungen worden. Elle nickte: “Ich werde es ihm sagen.. Ich liebe dich auch, Leeana…” “Ich auch… Vergiss das niemals, bitte!” hörten sie auch Jades zarte Stimme. Leeana nickte. Sie konnte nicht mehr sprechen und schickte beiden noch eine Kusshand zu - dann ging sie zu dem Seelenverwahrer herüber. Dieser legte mit einer raschen Handbewegung seinen Umhang über Leeana - und ihr Körper fiel wie ein Stein auf den Boden herab. Im gleichen Augenblick war der Seelenverwahrer verschwunden…
Elles Erstarrung löste sich und sie raste zu Leeana herüber. Sie tastete ihren Puls, doch es war müßig, das spürte sie. Sie konnte fühlen, dass sie tot war. Es war kein Leben mehr in ihr… Auch Jade kam dazu, und beide brachen über Leeanas Leichnam zusammen....
Jetzt musste Nirar sich entscheiden. Er musste den Leichnam loswerden. Doch dann entschied er sich schließlich, ihn zuerst zurück zu seinen Freunden schaffen zu lassen. In die Kerkerzellen, in denen die Mädchen und diese Hüterin der Elemente saßen. Danach würde er weiter sehen, was er dann mit ihm machen würde. Er musste sich überhaupt einfallen lassen, was weiter mit ihnen und dem König von Camelot und seinen Rittern geschehen sollte. Doch vorerst gab er den Befehl, Merlins Leichnam zurück zu tragen und seine Diener befolgten diesen widerspruchslos.
Wenige Minuten später waren sie angekommen. Elle hörte als erstes die Tür, als diese aufging und Nirars Schergen eintraten. Auch die Mädchen horchten auf. Leeana war voller Sorge. Die ganze Zeit hatte sie mit Beten und Hoffen verbracht, und auch Jade und Elle erging es nicht anders. Als sie schließlich die Männer sahen, wechselten ihre Gefühle von Angst zu Hoffnung.
Angespannt sahen sie zu ihnen hin - und erstarrten. Sie trugen etwas in den Armen. Einen Körper… Keiner von ihnen wollte glauben, was sie meinten, dort zu sehen. Doch dann öffneten die Männer die Tür, nachdem sie ihnen aufgetragen hatten, sich nach hinten zu stellen, was Elle auch tat. Sie nahm die Mädchen an ihre Hand und stellte sich ganz nach hinten an die Stäbe, doch nicht ohne die Männer aus den Augen zu lassen. Diese stießen die bewegungslose Person in den Raum, dann schlossen sie die Tür wieder und verschwanden…
Nach einigen Sekunden löste sich Leeana als erstes aus ihrer Starre und trat langsam nach vorne. Sie wollte nicht glauben, dass das was sie befürchtete, der Wahrheit entsprach. Es durfte nicht sein! Doch dann sah sie es: Es war Merlin! Leeana kniete sich zu ihm hin und berührte ihn - und sie fühlte, dass er tot war. Ein stechender Schmerz durchfuhr sie. Sie keuchte. “Nein… NEIIIIINNN!!!” schrie sie auf und begann, ihn anzuschreien. Sie rüttelte seinen Körper, schrie ihn an, immer und immer wieder rief sie, dass er erwachen sollte, doch das war natürlich Unsinn. Er konnte nicht mehr erwachen..
Auch Elle hatte sich langsam aus ihrer Starre gelöst und kam zu ihnen. Jade war dort wo sie gestanden hatte, weinend zusammen gesackt und Elle ließ sie dort wo sie war. Sie hatte verstanden, was geschehen war. Morgana hatte den Kampf gewonnen. Vermutlich auf die Weise, vor der sie alle Angst gehabt hatten: In dem sie Merlin seiner Kräfte beraubt hatte. Auch Elle war zum Weinen zu Mute, doch sie brauchte jetzt Kraft um Leeana diese zu geben.
Sie trat zu ihr und versuchte, sie von Merlin zurück zu ziehen. “Leeana”.. begann sie, doch diese schüttelte sie ab. “Nein… Merlin, bitte…” flüsterte sie, immer wieder nannte sie seinen Namen. “Merlin…” dann begann sie, bitterlich zu weinen. Das letzte, was sie zu ihm gesagt hatte, und was er von ihr vernommen hatte, waren die Worte “ich hasse dich gewesen”… “Ich hasse dich nicht.. Ich liebe dich, du bist mein Seelenbruder! Bitte… Bitte, wach wieder auf… Ich tue alles, Alles… Bitte, bitte du darfst nicht tot sein…”
Sie wiederholte die Worte immer und immer wieder, während sie seinen Körper in ihrem hielt. Er war größer als sie, dennoch schien er so wenig zu wiegen.. Als hätte er einen Teil seines Gewichtes verloren… Oder bildete sie sich das nur ein? Während sie diesen Gedanken nachhing, stand Elle neben ihr und fühlte sich einfach nur hilflos. Sie wusste nicht, was sie tun sollte und versuchte mit ihrer Anwesenheit, Leeana beizustehen. Auch sie fühlte abgrundtiefen Schmerz in sich und trauerte…
Plötzlich fühlte Leeana eine Präsenz in ihrer Nähe, die vorher nicht da gewesen war. Sie blickte sich gehetzt in der Zelle um, und erkannte einen Mann. Er sah merkwürdig aus; er trug einen schwarzen Mantel und seine Gestalt war nicht wirklich richtig zu erkennen.. Erschrocken, aber ohne Merlin loszulassen, sprach sie ihn an: “Wer seid Ihr?” Elle blickte ebenfalls auf. Sie konnte niemanden sehen. Auch Jade hatte sich bei Leeanas Worten in der Zelle umgesehen, doch auch sie erblickte niemand anderen als Leeana, Elle und den toten Merlin… Und doch schien jemand da zu sein, denn Leeana sprach erneut: “Wer seid Ihr, Sagt etwas!” Elle sah Leeana an, ihr Verhalten machte ihr Angst: “Leeana? Mit wem redest du?” Leeana antwortete zuerst nicht, dann blickte sie von dem Fremden zu Elle - “Siehst du ihn nicht? Ein Mann in Schwarz, er steht direkt vor mir!”
Elle runzelte die Stirn. Nein, sie sah ihn nicht! Und doch spürte sie plötzlich durchaus eine Präsenz, die vorab nicht da gewesen war. Ja, auch sie ahnte, nein sie wusste, dass jemand - oder etwas - hier war, doch wieso sah sie ihn nicht? “Was will er?” fragte sie angespannt. Leeana schüttelte den Kopf: “Das weiß ich nicht… Ich habe noch keine Antwort erhalten… Was wollt Ihr?” fragte sie ihn noch einmal. Dieses Mal bekam sie eine Antwort. Und als sie seine Stimme hörte, die dunkel und dröhnend klang, entstand plötzlich auch vor Elles und Jades Augen das selbe Bild, was Leeana schon die ganze Zeit sah. Elles Augen wurden groß. Sie wusste, wen sie da vor sich hatte. Zumindest ahnte sie es. “Seid Ihr der Tod? Seid Ihr hier um Euch Merlins Seele zu holen?” fragte sie schließlich.
Der Fremde sah sie an. Sein Blick war unergründlich. Dann antwortete er: “Nein, ich bin nicht der Tod. Und ich brauche mir seine Seele nicht mehr zu holen; ich habe sie bereits. Ich bin der Seelenverwahrer; meine Aufgabe ist es, die Seelen gerade Verstorbener solange in meiner Obhut zu belassen, bis der Tod kommt, um sie zu sich zu holen.” Er blickte Leeana an und sein Blick ließ diese leicht erschaudern. Wieder ließ Elle sich vernehmen: “Wenn Ihr Merlins Seele bereits habt, weshalb seid Ihr dann hier? Hier gibt es nichts mehr zu holen.” Ihr Ton war schneidend geworden. Der Seelensammler antwortet Elle nicht. Sein Blick hing weiterhin an Leeana. Schließlich sagte er doch etwas: “Nun, das kommt ganz darauf an… Eigentlich hatte ich keine Pläne hierher zu kommen, aber etwas an dem, was du gerade gesagt hast, hat mich auf dich aufmerksam gemacht, mein Kind…” Elle blickte vom Seelenverwahrer auf Leeana. “Leeana? Was hast du gerade gesagt?” fragte sie, ihre Stimme zitterte. Sie wusste tatsächlich nicht, was Leeana gesagt haben konnte, um ihn zu ihnen zu locken, dennoch gefiel es ihr ganz und gar nicht, dass er hier war.
Zuerst wusste Leeana selbst keine Antwort auf die Frage, und wollte schon den Kopf schütteln, als ihr plötzlich ein Licht aufging. Vielleicht gab es eine Hoffnung? Vielleicht gab es doch noch eine Möglichkeit, Merlin zu retten? Ihn wieder zum Leben zu erwecken?? Sie sah den Seelenverwahrer an und dieser nickte. Es war beinahe, als hätte er ihre Gedanken erraten - oder konnte er sie sogar lesen? Hier? An diesem Ort, an dem keine Magie erlaubt war? Sie wusste es nicht, doch im Grunde war es ihr auch egal. Sie blickte ihm genau in die Augen und dann sagte sie es erneut: “Ich will, dass Merlin lebt - und ich gebe meine Seele für seine, wenn Ihr das meint!”
Sie hörte einen Aufschrei von Elle und auch Jade rief etwas, doch das ignorierte sie. Elle wollte sie zu sich herüber drehen, doch der Seelenverwahrer sah sie nur einmal an, und Elle hatte das Gefühl, sich nicht mehr bewegen zu können; nicht einmal mehr sprechen zu können… Wie schaffte er das nur? Hier an diesem magiefreien Ort?? Sie konnte es sich nicht erklären. Und dennoch hoffte sie inständig, dass sie sich verhört hatte; dass Leeana es nicht so gemeint hatte; sie konnte es nicht ernst gemeint haben; sie war sich der Konsequenzen nicht bewusst…
Doch Leeana wusste, was sie tat. Und was es bedeutete. Sie würde an Merlins Stelle sterben und der Seelenverwahrer würde seine Seele frei lassen. Die Welt brauchte ihn. Camelot brauchte ihn - und vor allem Arthur brauchte ihn. Sie war Nichts auf dieser Welt. Nichts im Vergleich zu ihm. Und sie würde es nicht aushalten ohne ihn weiter zu leben. Sie nickte erneut. “Ich gebe Euch meine Seele! Nehmt sie und Lasst ihn leben. Bitte!” Sie spürte geradezu die Blicke von Elle und Jade auf sich, die beide verzweifelt waren. Sie wollten nicht, dass sie das tat, dass spürte sie, doch es war die einzige Möglichkeit.
Der Seelenverwahrer sah sie immer noch an. “Nun, es ist folgendermaßen: Sobald jemand stirbt, ist seine Seele für den Tod reserviert. Sie ist in einem Gefäß eingeschlossen, solange bis er kommt und sie mit sich nimmt. Noch ist dies bei Merlin nicht geschehen. Einmal habe ich die Macht, eine Seele durch eine andere zu ersetzen; wenn dieser andere Mensch oder das andere Wesen es freiwillig tut. Es muss freiwillig und ohne jeglichen Zwang geschehen - dann kann einmal ein Austausch der Seelen stattfinden. Aber nur einmal!” fügte er noch hinzu, mit einem kleinen Seitenblick auf die immer noch bewegungsunfähigen Elle und Jade.
Diese konnten zwar nichts sagen, doch ihre Augen blickten hektisch zwischen ihm und Leeana hin und her. Elles Blick sprach Bände. “Tu es nicht”, flehte sie, doch Leeana hatte ihre Entscheidung getroffen. Es tat ihr in der Seele weh, die beiden, die sie ebenfalls lieben gelernt hatte, zu verlassen, doch der Verlust ihres Ziehbruders war wesentlich schlimmer und kaum auszuhalten. Schließlich atmete sie einmal tief durch, dann nickte sie: “Ich tue es freiwillig! Ich will, dass Merlin lebt. Er ist der mächtigste Zauberer Camelots, und auch, wenn er diesen Kampf verloren hat, gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass er den nächsten gewinnen kann - nein, gewinnen wird! Und ich liebe ihn! Mehr als mein eigenes Leben. Ich bin bereit!” sagte sie schließlich und stand auf. Zuvor hatte sie Merlins Körper sanft auf den Boden zurück gelegt. Dann stellte sie noch eine Frage: “Ihr garantiert mir doch, dass er leben wird, sobald Ihr meine Seele habt?”
Der Seelenverwahrer nickte und streckte seine Hand aus. Ein Zeichen, dass sie zu ihm kommen sollte. Elle schüttelte den Kopf. Ihr Gesicht war fahl geworden, sie weinte. Leeana schnürte es die Kehle zu; sie wusste, dass sie ohne ein paar Worte des Abschieds nicht gehen konnte. “Wartet! Nur noch kurz, bitte!” sie sah ihn flehend an und er nickte nur. Dann wandte sie sich an Elle. Auch in ihren Augen standen Tränen, als sie schließlich sagte: “Es tut mir leid; aber es muss sein! Ich kann seinen Tod nicht zulassen, wenn ich ihn noch retten kann.. Das musst du verstehen, bitte! Ich möchte mich bei euch beiden für alles bedanken, was ihr für mich getan habt. Du, Elle, warst beinahe wie eine Mutter für mich. Und du, Jade, wie eine kleine Schwester. Ich liebe euch beide mehr als ich es sagen kann… Aber Merlin liebe ich noch mehr. Mehr als mich selbst. Und sagt ihm das bitte, wenn er erwacht. Sagt ihm, dass meine letzten Worte nicht ernst gemeint waren, die ich ihm an den Kopf geworfen habe, bevor er in den Todesring gebracht wurde. Ich hasse ihn nicht, ich habe ihn nie gehasst! Und sagt auch Arthur, dass er mein König war. Auch ihn liebe ich.. Wie man einen König nur lieben kann…”
Sowohl über Elles als auch über Jades Gesicht strömten die Tränen. Elle nickte. Bis jetzt hatte sie nicht reden können, doch nun spürte sie, dass sie ihre Stimme wieder bekommen hatte. Sie wusste, dass sie es nicht mehr verhindern konnte. Leeana hatte die Entscheidung getroffen. Es war ihre Entscheidung, und sie war von niemandem beeinflusst oder gezwungen worden. Elle nickte: “Ich werde es ihm sagen.. Ich liebe dich auch, Leeana…” “Ich auch… Vergiss das niemals, bitte!” hörten sie auch Jades zarte Stimme. Leeana nickte. Sie konnte nicht mehr sprechen und schickte beiden noch eine Kusshand zu - dann ging sie zu dem Seelenverwahrer herüber. Dieser legte mit einer raschen Handbewegung seinen Umhang über Leeana - und ihr Körper fiel wie ein Stein auf den Boden herab. Im gleichen Augenblick war der Seelenverwahrer verschwunden…
Elles Erstarrung löste sich und sie raste zu Leeana herüber. Sie tastete ihren Puls, doch es war müßig, das spürte sie. Sie konnte fühlen, dass sie tot war. Es war kein Leben mehr in ihr… Auch Jade kam dazu, und beide brachen über Leeanas Leichnam zusammen....

